Mentoring für den Traumberuf Professorin – was ist anders, was macht uns aus?

Sissi Closs

Seit Herbst 2017 engagiert sich ein Netzwerk von sieben baden-württembergischen Hochschulen im Projekt „Traumberuf Professorin“ mit dem Ziel, im Rahmen eines Mentoring-Programms mehr Frauen für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften zu gewinnen.

Bereits seit mehr als 20 Jahren haben sich Hochschulen die gezielte Förderung von Frauen und die Erhöhung des Frauenanteils in allen Bereichen des Wissenschaftsbetriebs vorgenommen. Ein Blick auf die Zahlen aus dem Jahr 2015 zeigt: der Prozess ist mühsam, die Zielerreichung einer gleichberechtigten Repräsentanz von Frauen und Männern bei Professuren liegt bei Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAWs) noch in weiter Ferne.

Mit einem speziell auf die Anforderungen von HAWs zugeschnittenen Mentoring-Programm für Frauen möchten 7 Hochschulen aus Baden-Württemberg gezielt Frauen für den Beruf der Professorin begeistern. Warum das Programm aus unserer Sicht notwendig ist und was unser Mentoring-Konzept auszeichnet, habe ich im Gespräch mit der Leiterin des Projekts, Sissi Closs, reflektiert. 

Sissi, du bist als Projektleiterin von Anfang an mit dabei und hast neben der Antragstellung wesentlich auch die Ausgestaltung des Programms mit verantwortet. Was denkst du, was zeichnet unser Programm aus und warum „passt“ Mentoring für eine HAW-Professur nicht in vorhandene Konzepte?

Bisherige Netzwerke funktionieren häufig innerhalb der bestehenden Systeme – sie haben zum Ziel, Frauen bei der Fortsetzung einer bereits begonnenen Karriere zu unterstützen. Frauen aus der Wirtschaft werden darin bestärkt, in der Wirtschaft Karriere zu machen, Frauen aus der Wissenschaft werden auf eine Karriere in der Wissenschaft vorbereitet. Uns geht es um die Verbindung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Wir brauchen an HAWs ganz stark den Praxisbezug. Eine Hochschulprofessur erfordert mindestens 3 Jahre Berufstätigkeit außerhalb der Hochschule. Unser Mentoring-Programm richtet sich also gezielt an Frauen aus der Wirtschaft als Mentees und stellt ihnen zur Erreichung des Berufsziels erfahrene Professorinnen und Professoren von HAWs zur Seite. 

Das Programm läuft ja nun bereits das dritte Jahr – wenn du es beschreiben müsstest: Wer sind die Mentees und MentorInnen des Förderprogramms?

Die Mentorinnen und Mentoren sind wie gesagt die Professorinnen und Professoren an den sieben Partnerhochschulen, die dieses Projekt gemeinsam vorantreiben. Wir haben das große Glück, hier wirklich auf eine große Anzahl von Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen zu können, die ihren Beruf mit Begeisterung ausüben und ein hohes Interesse am Thema sowie zu unserer großen Freude auch eine hohe Bereitschaft haben, ihre Erfahrungen weiterzugeben.

Bei den Mentees ist es eigentlich schwierig, eine einheitliche Beschreibung abzugeben – das Feld ist hier sehr heterogen. Das reicht von erfahrenen Mentees aus der Wirtschaft, Mentees, die schon in Kontakt mit HAWs sind und bereits Lehraufträge durchführen, Mentees, die bereits aktiv in laufenden Berufungsverfahren sind, bis hin zu sehr jungen Mentees, die relativ frisch ihre Promotion abgeschlossen haben und teilweise noch gar nicht mit einer HAW in Kontakt waren. Während einige Teilnehmerinnen ganz konkrete Erwartungen an das Mentoring haben und sich Tipps und Hilfestellung für das Berufungsverfahren wünschen, möchten andere im Rahmen des Angebots teilweise auch erst einmal ein Bild vom Hochschulalltag an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften bekommen. Alle interessieren sich für das Berufsbild der Professorin. 

Du hast gesagt, dass unser Mentoring-Angebot sich von den bisher bestehenden Programmen deutlich unterscheidet – kannst du kurz darstellen, was die Bausteine des Mentoring-Angebots sind?

Klar, das mache ich gerne. Ein zentraler Baustein ist natürlich die Mentoring-Beziehung zwischen Mentorin/Mentor und Mentee. Wir versuchen schon bei der Zusammenstellung der Tandems die Bedürfnisse der Mentees zu berücksichtigen, damit der Austausch möglichst gewinnbringend ist – das kann sich auf den fachlichen Aspekt beziehen, betrifft aber auch Herausforderungen in Bezug auf individuelle Fragen wie private Situation, Netzwerk, Vereinbarkeit und ähnliches.

Außerdem legen wir großen Wert auf das Qualifizierungsprogramm. Dies umfasst pro Mentee mindestens 6 Tage (eine Auswahl von zusätzlichen Angeboten ist in dieser Runde möglich) und umfasst neben Angeboten im Bereich der Hochschuldidaktik auch Informationsveranstaltungen zum Berufsbild Professorin an einer HAW, und Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung und interkulturellen Kommunikation. 

Darüber hinaus versuchen wir, das Netzwerk der Frauen, die am Programm teilnehmen, aktiv aufzubauen. Dies geschieht zum einen im Rahmen eines jährlichen Netzwerktreffens zur Mitte des Programms, darüber hinaus bei der gemeinsamen Abschluss- und Auftaktveranstaltung der jeweiligen Runden. Hier treffen sich neben den aktuellen Teilnehmerinnen auch die Mentees und MentorInnen der bisherigen und der neuen Runde, so dass hier wirklich ein jährlich wachsendes Netzwerk entsteht. Gerade der Austausch von Teilnehmenden über die verschiedenen Runden hinweg wird von allen Mitgliedern unseres Netzwerks als besonders wertvoll hervorgehoben.

Schließlich nutzen wir auch noch eine digitale Plattform, auf der wir allen Teilnehmenden Informationen zu Kursen, Angebote für Lehraufträge und ausgeschriebene Professuren und Veranstaltungshinweise zur Verfügung stellen. Mentees und MentorInnen können sich hier austauschen, Fragen stellen und Hilfestellung bekommen, das wird von einigen Teilnehmenden ebenfalls sehr geschätzt. 

Wenn du ein vorläufiges Fazit ziehen solltest – wie sähe das aus? 

Uneingeschränkt positiv. Zum einen sind wir sehr überrascht über die hervorragende Resonanz. Wir haben von Runde zu Runde mehr Bewerberinnen für das Programm, was ja auch zeigt, dass der Netzwerkgedanke und die Steigerung der Sichtbarkeit nach außen gut funktionieren. Auch das Engagement an den Hochschulen ist überwältigend – für alle Runden haben wir ausreichend Mentorinnen und Mentoren gewinnen können – dabei engagieren sich ja alle Kolleginnen und Kollegen vollständig ehrenamtlich- und die Hochschulleitungen unterstützen unser Projekt.

Auch die Qualifizierung ist offensichtlich passgenau: aktuell sind bereits 8 Mentees aus dem Programm auf Professuren berufen worden. Und alle haben uns ganz klar zurückgemeldet, dass sie nach eigener Einschätzung die Professur ohne unser Programm Traumberuf Professorin nicht so schnell bekommen hätten. 

…und gibst du uns noch einen Ausblick – wie wird es weitergehen mit dem Mentoring-Angebot?

Gerade weil wir jetzt das große Interesse und die guten Erfolgsaussichten kennen, möchten wir das Programm unbedingt weiterführen. Aktuell sind wir im Dialog, was die Finanzierungs- und Umsetzungsmöglichkeiten angeht. Eine Idee ist es, das Programm zukünftig zentral von der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (LaKof BW) weiterführen zu lassen und auf alle HAWs und Dualen Hochschulen in Baden-Württemberg auszudehnen. Momentan prüfen wir verschiedene Konzepte, aber sicher ist schon jetzt: alle Beteiligten setzen sich dafür ein, dass dieses Konzept tatsächlich verstetigt wird, damit wir zukünftig noch mehr Frauen auf ihrem Weg zur HAW-Professur begleiten können.